Auch für das Jahr 2020 hat sich der Verein wieder so einige Vorhaben auf die Fahne geschrieben. Für Ihre Unterstützung in Form von Spenden - gerade auch anlässlich des Besuchs einer unserer Veranstaltungen - danken wir.

Unser aktuelles Projekt ist die Heimkehr der Orgel in die Wuster Kirche. Lesen Sie dazu folgenden Beitrag:

 

 

 

 

100 Prozent Gesell – die Geschichte geht weiter 

Zum zweiten Mal hatten wir uns am 2. September in Frankfurt angesagt: Die Orgelbauer Matthias und Michael Schuke und zwei Helfer aus der Kirchengemeinde (herzlichen Dank an Detlef Grötschel!), verstärkt durch einen Mitarbeiter der Stadt Frankfurt. Die Ausgangslage war schwierig: Die Teile der Gesell-Orgel der Wuster Kirche und die Teile der Wäldner-Orgel der Lünower Kirche lagen in einem Depot der Viadrina in einem wilden Durcheinander in Regalen, vermischt mit Teilen von Flügeln, Klavieren, Spinetten, Harmonien. Die anspruchsvolle Aufgabe: Die Wuster Teile vom Rest zu separieren.

Zu fünft haben wir Kisten, Holzpfeifen, Trakturteile, Windladen aus den Regalen geräumt, aufgeschichtet, begutachtet, sortiert, neu geordnet. 100 Prozent Gesell, das kommt nach links, tönte es wieder in regelmäßigen Abständen aus Matthias Schukes Ecke. Er drehte und wendete die Pfeifen, beriet sich mit seinem Sohn, blies hinein. Bei manchen war er sich nicht sicher, andere konnten klar Wäldner zugeordnet werden, die kamen auf die rechte Seite des langen Flurs im einstigen Stasi-Gebäude. Mein Ordnungsprinzip war schlichter, aber auch nicht schlecht: Alles, was in Zeitungen von 1973 gewickelt war, gehört zu Wust, denn die Wuster Orgel wurde nach ihrem Abbau nie wieder aufgestellt. Die Lünower Orgel war zwischenzeitlich im Neuen Palais in Potsdam zusammengesetzt worden, das hatte uns Berol Kaiser-Reka bei einem Besuch vor wenigen Wochen erzählt und entsprechende Bilder gezeigt. Folglich musste das in 1984er Zeitungen Eingewickelte zu Lünow gehören.

Der beeindruckendste Moment für uns Laien war es, die beiden Orgelbauer zu beobachten, wie sie die Pfeifenstöcke auf die Manualwindlade setzten: eine Puzzlearbeit, die nur von Experten verrichtet werden kann. Danach konnte genau bestimmt werden, welche dazu gehörenden Pfeifen noch vorhanden sind und welche fehlen und später nachgebaut werden müssen. In einer hinteren Ecke des Raums, bisher unentdeckt, fanden wir später die wunderschönen Prospektteile, die Carl Eduard Gesell beim Umbau der Orgel für die Wuster Kirche im neugotischen Stil gebaut hatte. Als ich dann eine handsignierte Pfeife des Orgelbauers in der Hand hielt, in die in geschwungenen Buchstaben seine Unterschrift eingraviert war (Octav 4´ C. E. Gesell Orgelbauer Potsdam 4.3.1881), da wusste ich: Was wir hier tun, ist genau richtig!

Wie geht es nun weiter? Der nächste Schritt wird sein, die Stadt Frankfurt mit guten Argumenten dazu zu bewegen, dem Rückführungsgesuch, das die Kirchengemeinde stellen wird, zuzustimmen. Der Direktor der Viadrina hat uns augenzwinkernd empfohlen, die identifizierten Wuster Orgelteile nicht wieder in die Regale zurückzutragen, sondern gleich zum Abtransport bereit im Flur aufzuschichten.

Christiane Klußmann